Langenhagen: Kinderfeste mit Tokio Hotel
Die 14-jährige Viktoria Dräger ist ein Tokio-Hotel-Fan wie Millionen andere Teenager. Aber sie hat mit den beiden Galionsfiguren der erfolgreichen deutschen Band schon gespielt, als die noch in Krähenwinkel in den Kindergarten gingen.
Von 1993 bis kurz vor der Einschulung 1996 waren die eineiigen Zwillingsbrüder Bill (heute Gesang) und Tom (Gitarre) im Birkenweg 66b zu Hause und feierten mit den Nachbarskindern Geburtstage.
Viktoria wohnt heute noch schräg gegenüber. „Wir hatten eine große Wanne, in der die Zwillinge gern gebadet haben“, erzählt Viktorias Mutter Sabine Dräger. „Danach sind sie dann im Bademantel schnell über die Straße nach Hause gehuscht.“
Als Viktoria noch klein war, hat Simone Kaulitz, die Mutter der beiden Brüder, auf sie aufgepasst, wenn die Eltern mal wegmussten. Kaulitz arbeitete als Tagesmutter, ihr Mann als Lasterfahrer für einen Langenhagener Baumarkt. Wegen dieses Jobs waren die Eltern von Ostdeutschland hierher gezogen.
„Der Lastwagen stand abends immer vor der Haustür“, erinnert sich Sabine Dräger. Auch ein paar Häuser weiter, bei Familie Weigert, gingen die Jungs ein und aus. Tochter Melanie besuchte mit ihnen zusammen den Kindergarten.
„Bill war immer schon der Femininere von den beiden“, sagt Mutter Petra Weigert. Bill, der heute grell geschminkt auftritt und sich ein androgynes Image gibt, hat sich schon damals gern verkleidet; nicht wie die anderen Jungs als Cowboy oder Ritter – ein Fastnachtsfoto zeigt ihn als Wahrsagerin Esmeralda.
„Er hatte immer die fantasievollen Kostüme“, schwärmt Petra Weigert. Die hat ihm seine Mutter genäht, die wegen ihrer handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten in der Nachbarschaft berühmt war. Gerne wurden ihre Dienste in Anspruch genommen, wenn ein tolles Hochzeitskleid gebraucht wurde.
Die Wand des Kinderzimmers der Zwillinge schmückte eine von der Mutter gemalte Micky Mouse – mit E-Gitarre in der Hand.
„Die beiden waren immer sehr pingelig mit ihren Sachen“, sind sich die Drägers und Weigerts einig. An seine Barbie-Puppe im Meerjungfrauen-Look habe Bill niemanden gelassen. „Vor allem durfte man ihr nicht an die Haare kommen“, sagt Petra Weigert. „Aber wegen seiner Vorliebe für Puppen war Bill damals schon beliebt bei den Mädchen.“
Die Öffentlichkeit haben die beiden früher schon nicht gescheut. Mehrfach haben sie bei Kindermodenschauen für eine Langenhagener Kinderboutique auf dem Laufsteg gestanden. Und etliche Krähenwinkeler saßen vorm Fernseher, als die beiden in einer NDR-Serie ihren ersten Kurzauftritt hatten. „Immer adrett, aber auch ein bisschen extravagant“, beschreiben die Krähenwinkeler Bill und seinen zehn Minuten jüngeren Bruder Tom. Ihre Markenzeichen waren Piratenkopftücher.
Gerne hätte Petra Weigert ihre jungen Gäste mal toll bekocht: „Aber wenn sie bei uns waren, wollten sie immer nur Nudeln mit Ketchup.“
von Stefan Kohl
Dunkler Fleck in der Biografie
Schöne Erinnerungen mit bitterem Nachgeschmack: Die beiden Tokio-Hotel-Musiker Tom und Bill Kaulitz wollen offenbar nichts mehr von ihrer Krähenwinkeler Vergangenheit wissen.
In den Biografien klafft ein schwarzes Loch: Geboren in Leipzig, aufgewachsen in Magdeburg, heißt es meist. Auch die Plattenfirma mauert.
Auf Anfrage der Nordhannoverschen teilte diese mit, die Musiker wünschen keine Berichte über ihre Kindheit in Krähenwinkel, deshalb gebe es weder Fotos noch Material und schon gar kein Interview. Erst bei Bills Auftritt in der Casting-Sendung Starsearch haben die Krähenwinkeler wieder Notiz genommen von ihren ehemaligen Nachbarn.
Vom Aufstieg der Band erfuhren sie aus der Zeitung. Alle Versuche, übers Internet und über Jugendzeitschriften mit den Zwillingen in Kontakt zu kommen, sind fehlgeschlagen. Trotzdem sind die Exnachbarn Petra und Tochter Melanie Weigert zum ersten großen Konzert der Band nach Magdeburg gefahren. Rangekommen an die Zwillinge sind sie dabei so wenig wie Tausende andere Fans.
„Drei Monate nach dem Wegzug wegen der Trennung von ihrem Mann hat Simone Kaulitz bei mir angerufen und gesagt, dass sie keinen Kontakt mehr will. Sie wolle mit ihrer Vergangenheit abschließen“, erzählt Petra Weigert. „Es kommt mir vor, als würde alles als böse Zeit abgestempelt“, sagt Nachbarin Sabine Dräger bedauernd. „Dabei haben wir hier doch so viel Schönes gemeinsam erlebt.“
Viktoria Dräger ist bekennender Fan ihrer ehemaligen Spielgefährten. Lange hatte sie im Zimmer einen Starschnitt hängen, bis der an den Rändern ganz ausgefleddert war. Am vergangenen Wochenende durfte sie zum großen Fantreffen nach Köln reisen, wo immerhin Doubles ihrer alten Freunde aufgetreten sind. „Die Band ist einfach toll“, sagt sie. Besonders gefallen ihr die deutschen Texte: „Nicht bloß Tralala, wie bei den meisten."
Montag, 8. September 2008
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