Montag, 15. September 2008

bravo.de Bericht

Pop-Soziologie Tokio Hotel oder: Wieso, weshalb, warum?
Vor etwa drei Jahren tauchte plötzlich eine neue Popsensation auf, von der viele nicht mehr als das typische One-Hit-Wonder einer zusammengecasteten Band erwartet hätten. Musiker Marcus Grassl hat sich das Phänomen mal näher angeschaut. Leitfrage: Was zum Teufel ist das?

Das Outfit wie bei einem japanischen Manga-Comic, der Sänger: irgendwas zwischen Mann und Frau. Und im Stimmbruch war er bestimmt noch nicht. Überhäuft mich aber mit Metaphern über den Weltschmerz eines Teenagers.

Nein, das war mir zu viel Pop und gewiss nicht ehrlich genug.
Viele Gedanken habe ich mir also nicht gemacht. Dennoch ertappte ich mich immer wieder dabei, ihre erste Single "Durch den Monsun" gelegentlich vor mich hinzupfeifen. Gut, es ist kein schlechter Song, gaben wir damals etwas beschämt zu und lachten trotzdem weiter über die schrägen Outfits von Sänger Bill Kaulitz.

Sag mal weinst Du? Oder ist das der Regen... äh: Monsun

Die Bravo nahm's ernst und machte aus den vier Jungs das neue tolle Pop-Produkt Deutschlands. Ähnlich wie bei der Band Echt in den 90er Jahren waren nun auch Tokio Hotel auf gefühlt jedem zweiten Cover der Teenie-Gazette. Und sobald man als Mädchen oder Junge schwarz gefärbte Haare oder Kajal trug, wurde man sofort abgecancelt: "Ähhh, Du siehst ja aus wie Tokio Hotel."

Trotz gar nicht mal so schlechten Songs war und ist es verpönt, diese Band gut zu finden. Gründe gibt es viele: Zu teenie, zu künstlich, zu vermarktet für die Generation Indie. Und ausgerechnet dieses Produkt der kleinen deutschen Popindustrie hat es letztes Wochenende geschafft, mit diesen Leuten in einer Reihe zu stehen: Axl Rose, Kurt Cobain und Scott Weiland.

Denn genau wie diese drei Helden des Rock haben es nun auch Tokio Hotel aus Magdeburg geschafft, als Best New Artist bei den MTV Video Music Awards in den USA ausgezeichnet zu werden.

Image ist nichts! Können ist alles!

Dies ist bisher keiner deutschen Pop-Band mit englischen Texten gelungen. Nicht Notwist, nicht Slut und den Demograffics schon gar nicht. Obwohl The Notwist schon kleine Erfolge in den USA feiern durften, kamen sie leider - oder vielleicht doch Gott sei Dank? - nie in den Genuss der MTV Video Music Awards.

Was ist es also? Was haben diese kleinen Teenie-Rocker, was unseren deutschen Lieblingsbands fehlt? Ist es einzig und allein das Image? Spielt die Musik gar keine Rolle mehr?

Nein, eigentlich können wir uns glücklich schätzen, dass wieder einmal eine richtige Band Erfolg hat und nicht wieder irgendeine willkürlich zusammengewürfelte Boyband. Sie schreiben ihre Songs zum Teil selber, spielen ihre Instrumente und wissen genau, wie sie sich präsentieren müssen. Auch wenn wir Mittzwanziger außer "Durch den Monsun" kein einziges Lied kennen: Ich gönns euch, Tokio Hotel. Aber Slut würde ich es noch viel mehr gönnen.

(C)BR

Quelle: http://www.br-online.de/on3radio/themen/tokio-hotel-vmas-2008-mtv-ID1220965923224.xml

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